Arbeitszimmer von Schauspielern

Häusliches Arbeitszimmer ist nicht Mittelpunkt der Tätigkeit eines Schauspielers.

mehr


Finanzamt

medienvorsorge.de hat in einer erstmaligen bundesweiten Umfrage die Leiter aller deutschen Finanzämter...

mehr


Ton Steine Scherben

R.P.S. Lanrue (Ton Steine Scherben)

Bei unseren Konzerten ging der Hut herum

Die Band Ton Steine Scherben war zwischen 1970 und 1985 eine der einflussreichsten deutschen Rockgruppen. Sie galten als Sprachrohr der Hausbesetzer-Szene und betrieben ihr eigenes Plattenlabel „David Volksmund Produktion“. Songs wie „Macht kaputt, was Euch kaputt macht“ oder „Keine Macht für niemand“ erlangten Kultstatus weit über die linke Szene hinaus. Nach ihrer Neugründung – ohne den 1996 verstorbenen Sänger Rio Reiser – gehen die „Scherben“ im Jahr 2015 wieder auf große Deutschland-Tour. Ein Gespräch mit Gitarrist R.P.S. Lanrue über improvisierte Konzerte in den 70er Jahren, den schlagkräftigen „Finanzminister“ der Band und die besonderen Methoden der Managerin Claudia Roth, heute Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages.

 

R.P.S. Lanrue, Ihre Band Ton Steine Scherben geht nach knapp 30 Jahren wieder auf Tour. Wie lange ist es her, dass Sie aufgetreten sind?

Ich habe seit 1988 nicht mehr live gespielt. Vorher stand ich eigentlich ständig auf der Bühne. Meine erste Band habe ich 1964 gegründet, damals bereits mit Rio Reiser als Sänger. Wir nannten uns Beat-Kings und coverten Beatmusik. Seitdem waren Rio und ich befreundet. Nachdem er 1996 gestorben ist, habe ich lange nicht mehr live gespielt. Erst zuletzt gab es wieder vereinzelte Auftritte, zum Beispiel 2012 zum 40. Geburtstag der LP „Keine Macht für Niemand“.

 

Was war das letzte Konzert, das Sie vor dieser Zäsur gespielt haben?

1988 bin ich mit Rio solo in der DDR aufgetreten. Mit Ton Steine Scherben durften wir leider nie dort spielen.

 

Wie wurden Sie damals für das Konzert bezahlt?

Sicherlich in Ostmark (lacht). Ich weiß gar nicht, ob wir überhaupt Geld bekommen haben. Das war für uns auch nicht wichtig. Künstlerisch war es allerdings ein epochales Konzert. Wir spielten in der Werner-Seelenbinder-Halle in Prenzlauer Berg, und es wurde im DDR-Fernsehen übertragen, in der Jugendsendung „DT64“. Selbstverständlich in einer staatlich gekürzten Fassung.

 

In den 70er Jahren galten Sie als die deutsche Protestrockband. Wo haben Sie überall Konzerte gespielt?

In der ersten Phase waren es vor allem Jugendzentren, soweit es überhaupt schon welche gab. Wir waren eine politische Band und haben viele Solidaritäts-Konzerte gespielt, ohne dass wir dafür bezahlt wurden. Irgendwann haben wir versucht, verstärkt an Universitäten aufzutreten. Da gab es noch am ehesten Geld. Letztlich waren auch dort die meisten Konzerte mit politischen Aktionen oder Demonstrationen verbunden.

 

Wer hat sonst noch Konzerte mit Ton Steine Scherben veranstaltet?

Selbst wenn man das bei uns nicht erwarten würde, gehörten dazu auch immer wieder Gruppen wie die Junge Union, Pfadfinder und Messdiener. Mit linken Parteien, deren Parteinamen auf -ismus endeten, hatten wir immer irgendwelche Probleme. Es war aber schon so, dass wir viele Konzertorte zunächst einmal besetzen mussten, bevor wir dort auftreten konnten. Ich habe schon mal überlegt, ob ich mich beim Guinness Book of Records melde – als der Musiker, der die meisten Hausbesetzungen miterlebt hat.

 

Wie wurde in der Hausbesetzer-Szene die Gage bezahlt?

Bei unseren Konzerten in besetzten Häusern wurde kein Eintritt genommen, sondern während des Konzerts unter den Zuschauern gesammelt. Da ging dann buchstäblich der Hut herum. Gage ist auch kein passender Begriff für diese Zeit. Das lief immer unter dem Siegel „Spende“ oder „Benzingeld“.

 

Wie viel Geld kam denn bei so einem Konzert zusammen?

Unseren Lebensunterhalt konnten wir davon nicht bestreiten. Das Schwierigste in diesen Tagen war es, den Konzertort zu erreichen. Wir mussten von West-Berlin aus erstmal die deutsch-deutsche Grenze überwinden. Das war natürlich auch ein Kostenfaktor. Gelebt haben wir von unseren Plattenverkäufen.

 

Sie haben 1971, ein Jahr nach der Bandgründung, eines der ersten deutschen Independent-Labels gegründet. Warum?

Uns hätte keine Plattenfirma genommen, weil wir zu politisch waren. Wir haben unsere Platten dann selbst über Buchhandlungen verteilt. Der Vertrieb der „David Volksmund Produktion“ funktionierte nach dem Schneeballprinzip. So wurden wir zur Mutter aller Indies in Deutschland. In die Musikboxen in den Kneipen kamen wir allerdings nicht rein, weil unsere Texte als zu gewalttätig galten.

 

Ihre Musik lief nicht in der normalen Öffentlichkeit?

Es gab eine Kneipe in Berlin-Kreuzberg, die „Kreuzberger Vereinshaus“ hieß. In der Musikbox lief unsere erste Single „Macht kaputt, was euch kaputt macht“ rauf und runter, bis sie eines Tages den Geist aufgab.

 

Wer hat Ihre Steuererklärung gemacht?

Ton Steine Scherben waren in verschiedenen Abteilungen organisiert. Wir nannten das „Ministerien“. So existierten bei uns ein Kultur- und Küchenministerium und sogar eines für Astrologie. Einer unserer Sänger, Nikel Pallat, war der Finanzminister. Er hat zu der Zeit, als wir mit Jimi Hendrix auf Fehmarn spielten, tatsächlich in einem Steuerbüro gearbeitet. Bekannt geworden ist er, weil er 1971 in einer Talkshow einen Tisch mit einem Beil zerstörte.

 

Was waren dabei die größten Schwierigkeiten?

Wir hatten lange keinen festen Wohnsitz, haben in einer WG am Tempelhofer Ufer gelebt. Inzwischen ist dort ein Gedenkstein angebracht worden, aber damals war das gesellschaftlich noch nicht so akzeptiert. 1975 sind wir dann alle zusammen von West-Berlin auf einen Bauernhof in Nordfriesland gezogen.

 

Beschreiben Sie mal, welche Besitztümer Sie bei Ihrem Umzug mitgenommen haben.

Man könnte sagen: Außer dem „Kapital“ von Karl Marx hatten wir kein Kapital. Ich besaß Mitte der siebziger Jahre genau eine Gitarre und einen Amp. Zu der Zeit war ich auch nicht versichert. Wir haben mit der Band einfach viel zu wenig verdient. „Häuser besetzen“ konnte man leider nicht von der Steuer absetzen.

 

Wie haben Sie die neuen Platten finanziert, die auf Ihrem Label erschienen?

Wir waren für diese Zeit recht kreativ. 1975 haben wir zum Beispiel eigene Aktien ausgegeben, um die Produktion und Pressung der Doppel-LP „Wenn die Nacht am tiefsten“ bezahlen zu können. Die Rechnung lautete: Jeder aus der Band muss zehn Aktien á 100 D-Mark an den Mann bringen – und das haben wir geschafft. Heute nennt man das wohl Crowdfunding.

 

1982 wurde Claudia Roth Ihre Managerin. Warum?

Vorher war das Booking einfach zu abenteuerlich abgelaufen. Wir konnten wirklich froh sein, wenn ein Konzert für uns bei plus minus null endete. Claudia brachte da sofort mehr Niveau rein. In den drei Jahren mit ihr gab es mehr Kultur und besseres Essen. Es war insgesamt ein angenehmeres Touren.

 

Was hatte die heutige Grünen-Politikerin zu dem Job befähigt?

Sie lebte mit auf unserem Bauernhof und besaß großes Organisationstalent. Booker war kein Lehrberuf. Die größte Schwierigkeit bestand häufig darin, das Geld einzutreiben. In der Konzertbranche gab es schon damals viele Finsterbolde. Die Band schätzte sie aber auch aus einem anderen Grund...

 

Welcher war das?

Unter den Musikern der Ton Steine Scherben waren viele leidenschaftliche Fußballfans. Claudia Roth hat uns endlich unseren größten Wunsch erfüllt: keine Konzerte, wenn wichtige Spiele stattfanden. Unser Herz gehörte dem FC Bayern München, mit Paul Breitner verband uns eine Freundschaft.

 

Nach dem Ende von Ton Steine Scherben haben Sie weiter mit Rio Reiser gearbeitet, in seiner Live-Band gespielt. Wie liefen die ersten Konzerte?

In der ersten Phase spielten wir mehr Scherben-Songs als Lieder, die er als Solo-Künstler aufgenommen hatte. Das hat sich erst mit der Zeit verändert. Selbst sein größter Hit, „König von Deutschland“, war ja eigentlich ein Scherben-Stück aus den siebziger Jahren.

 

Was war anders als vorher?

Rio stand exklusiv bei der Plattenfirma CBS (später Sony) unter Vertrag. Eigentlich wollte er meine Solo-Platte „Ja, ja, nee, nee“ produzieren und einsingen. Doch bei einem Fernsehauftritt in Frankfurt sagte mir Georg Glück, sein Manager, dass Rio laut Exklusivvertrag nicht bei mir singen dürfe. Das war ein Schock für mich. Ich habe die Songs bis heute aufbewahrt, sie wurden nie veröffentlicht. Als Rio wieder frei war, ist er auch schon gestorben.

 

Was haben Sie 1996, nach dem plötzlichen Tod Rio Reisers, gemacht?

Ich bin kurzentschlossen nach Portugal ausgewandert, habe mir ein Holzhaus gebaut. Was ich jährlich via Lizenzen überwiesen bekam, reichte aus, um mit das dortige Leben zu finanzieren. Ich habe Tomaten, Zitronen und Orangen gezüchtet und immer komponiert. 2004 kam es zur Katastrophe, als mein komplettes Holzhaus abbrannte – mit meinem Archiv und meinen ganzen Habseligkeiten. Egal ob Musik oder Fotos, alles war zerstört. Ich lebte dann in einem Wohnwagen und bin 2007 nach Deutschland zurückgekehrt.

 

Welches Lied von Ton Steine Scherben wird bis heute am meisten gespielt?

„Keine Macht für niemand“ hat bei Google knapp 1,9 Millionen Ergebnisse, ist unser populärster und meistverkaufter Song. Eigentlich hätten wir dafür eine Goldene Schallplatte bekommen müssen – aber wir wollten anfangs ja auch gar kein Geld verdienen. Sonst wären wir Fußballer geworden (lacht).

 

Jetzt sind Sie also wieder auf Tour. Wer sind die Musiker, die 2015 unter dem Motto „Ding Ding Dang Dang“ in ganz Deutschland auftreten?  

Von damals sind außer mir noch Kai Sichterman und Funky K. Götzner dabei. Neu dazugekommen sind Nicolo Rovera, Ella Josephine Ebsen, Lukas McNally, Maxime S.P. und Elfie-Esther Steitz.

 

www.tonsteinescherben.com

Facebook: https://facebook.com/pages/TON-STEINE-SCHERBEN/235421799815129